Provisorien
An unzähligen Stellen finden wir sie: Provisorien. Konstruktionen, geschaffen, um den Übergang zu gestalten, um Defektes zu erhalten. Lebensverlängernde Maßnahmen an klinisch toten Patienten. Und doch bestehen diese Zwischenlösungen oft länger als vorgesehen, schaffen Zombie-Gewerke inmitten einer pulsierenden Umgebung. Man geht vorbei, ohne Notiz zu nehmen, akzeptiert die Flickschusterei als festen Bestandteil der Umgebung: neben den schillernden Fassaden in der Einkaufsmeile plötzlich das Gerüst an der die seit Jahren abgesperrten Bauruine; mitten am Bahnsteig die notdürftige Abstützung einer instabilen Decke; auf der Hauptstraße die rudimentär ausgebesserten Risse im Bodenbelag. Gründe gibt es viele: fehlendes Geld, fehlende Zeit, fehlende Verantwortlichkeit. Und so verfallen diese Orte ein zweites Mal, bis eine Erhaltung endgültig unmöglich wird. Bis man schließlich irgendwann Geld von dort nimmt, wo keines ist, und die vergessene Sanierung vornimmt, weil an ebendieser Stelle jemand kausal zu Schaden kam.
Andere Provisorien dagegen werden bewusst errichtet, um etwas zu überbrücken: die Asylunterkünfte in allen Teilen der Stadt, das Interimsquartier einer renovierungsbedürftigen Philharmonie, die Zwischennutzung eines leerstehenden Gebäudes. Hier entstehen Strukturen, die keine notdürftigen Ausbesserungen darstellen, sondern temporäre Alternativen für die Normalität. Flüchtige Räume des Übergangs, Un-Orte ohne Bindung.
Und doch sprechen sie uns manchmal an, diese Provisorien, treffen den Zeitgeist irgendwo zwischen Nostalgie, Vintage-Look und maroder Lost-Place-Verklärung. So wie verblühende Blumen einen Charme ausstrahlen können, liegt auch im Verfall eine gewisse Ästhetik. Die in „Final Decay“ gezeigten Bilder versuchen, solche Impressionen festzuhalten. Auf einem Medium, das seinerseits der Auflösung unterliegt: längst abgelaufenes Polaroid-Packfilm-Material, Jahrzehnte über dem Verfallsdatum, ersteht noch einmal wie Phoenix aus der Asche, zeichnet ein – dem Alterungsprozess geschuldetes – unvollkommenes und manchmal unwirkliches Abbild, das bereits mit seinem Entstehen der weiteren Zersetzung durch das Licht ausgeliefert ist. Gleiches wird mit Gleichem verknüpft durch einen komplexen, irreversiblen chemischen Prozess.
Verblühen
Gleichzeitig zeigt sich, welche Spuren Jahrzehnte auf einer lichtempfindlichen, mit Chemikalien durchsetzten Schicht unbemerkt hinterlassen haben, die vergebens darauf wartete, ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen: ein Bild zu empfangen, zu entwickeln und zu präsentieren. Kryptische Zeichen, welche sich zu keiner Zeit im Motiv vor der Kamera zeigten, manifestieren sich auf einem so niemals auch nur annähernd wieder reproduzierbaren Lichtbild, bevor auch dieses endgültig verblühen wird. Nichts kann auf ewig festgehalten, nichts beliebig verlängert werden. So wie das Bild selbst wird eines Tages auch sein Motiv verschwunden sein: all places are temporary.
Die Faszination liegt gerade darin, in keiner Weise prognostizieren zu können, wie sich das Betrachtete auf dem völlig überalterten Film einbrennen wird. Physikalische und chemische Prozesse interagieren in einem zufallsbestimmten Kontext, beeinflusst durch die Faktoren, die dem Film in all den Jahrzehnten seiner Stasis widerfahren sind: Temperaturschwankungen, Strahlung, mechanischer Druck und vieles mehr haben eine Camera Chaotica erschaffen, die es nun zu entschlüsseln gilt. In den nur 90 Sekunden Entwicklungszeit nach dem Herausziehen des Filmblattes ersteht ein in Dekaden gereiftes Universum und legt sich als Einschreibung der Zeit über das gleichfalls im Übergangszustand befindliche Motiv, welches selbst noch gar nicht existierte, als das Medium für seine Reproduktion bereits hergestellt war. Wir sehen ein flüchtiges Objekt, interpretiert durch einen jahrzehntelang anhaltenden, chemischen Verfallsprozess, komprimiert auf einem einzigen Bild. Am Ende immer ein Unikat, unreproduzierbar und vergänglich.
Erinnerungen
Indem man jetzt Seiendes mit Hilfe eines die vergangenen Jahrzehnte konservierenden Materials festhält, legt sich die eigene Lebenszeit wie ein Spinnennetz über das Motiv, werden die eigenen, fragmentarischen Erinnerungen an Menschen, Orte und Ereignisse mit der Gegenwart verbunden, reaktiviert, dem Vergessen entrissen. Wie eine Glut im Heu entfalten sich längst verlorene Bilder aus dem Nichts zu übergroßen Dämonen und es ist wie im Traum: nachts sind die Gespenster größer, sagt man. Die gleiche Zeit, die das Filmmaterial altern ließ, ließ auch uns altern. Die gleichen Einschreibungen der Vergangenheit sind uns widerfahren wie gleichsam dem Film. Indem man nun beides passgenau übereinanderlegt, reisen wir in eine Welt, in der Zeit und Ort nicht mehr übereinstimmen. Sprachlos stehen wir vor diesem einen Abdruck von Jahrzehnten, der sich nicht im Motiv selbst manifestiert, sondern in dessen Interpretation. Mehr Spiegel als Fotografie, in jedem einzelnen Ausschnitt eine Tür zu einer anderen Dimension.
Existenz
Wir blicken durch ein Fenster auf eine Szenerie, von der wir nicht wissen, ob sie jemals so existiert hat oder noch existiert. Genauso wenig wie wir sagen können, ob alle Orte dieser Welt, an denen wir uns aktuell nicht befinden, genau in diesem Augenblick auch existieren, oder nur Gegenstand unserer Einbildung sind, bis wir sie wieder aufsuchen und durch unsere Anwesenheit erst materialisieren. Wir wollen alles begreifen, doch ist der größte Teil unserer Wahrnehmung diffus. Bilder und Töne fliegen vorbei, und wir sind ununterbrochen mit dem gigantischen Puzzlespiel beschäftigt, das unseren Verstand bildet, unsere Sinne ordnet und am Ende unsere Existenz begründet. Wann existiere ich, was unterscheidet mich von den Toten, die auch existieren? Es sind die Bilder, denen ich folge, die meine Träume nähren, meinen Antrieb stützen. Immer auf der Jagd nach dem nächsten Bild, das eine neue Überraschung beinhalten kann, das mir eine Reaktion abverlangt und am Ende eine endlose Kette von Wellen entsteht, die man Leben nennt.
Transfer
Während das Polaroid dem Verfallsprozess preisgegeben ist, wird das darauf befindliche Bild am Ende auf ein anderes Trägermedium übertragen: ein auf Sisalfasern basierendes, natürliches Agave-Papier. Das Abbild eines Provisoriums wird schemenhaft auf überaltertem Polaroid-Material chemisch fixiert, entwickelt, digitalisiert und schließlich auf Naturfasern dem ewigen Kreislauf des letzten Verblühens zurückgegeben.